Ein Lächeln für Eia

Es brannte höllisch. Ich versuchte, keinen Laut von mir zu geben und wackelte als Kompensation mit meinen Zehen, auf die ich mich zu konzentrieren versuchte, um dem schmerzhaften Pieks zu entgehen. „Ich weiss – das ist särr unangenähm“, sagte Frau Schwestkova, die Ärztin. Es klang nicht nach Mitgefühl, dafür wirkte sie zu unterkühlt, aber dennoch entspannte ich mich. Sie desinfizierte die Stelle oberhalb meines Schlüsselbeins mit eleganten Bewegungen, die mich an eine Tänzerin erinnerten und als sie das kleine Geschwulst mit einem geübten Schnitt entfernte, spürte ich gar nichts.

„Wenn ich schon mal da bin…“, begann ich zaghaft, zögerte und gab mir dann einen Schubs. „Kann man etwas gegen diese unschönen Lippenfalten machen? Sie beginnen mich zu stören.“ Ich lachte, um zu zeigen, dass ich die Sache nicht allzu ernst nahm, denn die Frage war mir peinlich. Ich wollte nicht allzu eitel erscheinen, obwohl doch gerade das der beste Beweis dafür ist. Doch siehe da, die Augen von Frau Doktor betrachteten mich mit neuem Interesse, ja, leuchteten sie nicht gar ein bisschen?

„Da gibt äs Möglichkeitän, aber ja doch. Man kann die Haut mit däm Laser glätten, abär dabei wird die Oberlippe vielleicht etwas dünner. Die schönsten Ergäbnisse erzielt man mit Botox“, – hier war es, das böse Wort! – man kann dann mit Hyaluron nachspritzen. Tut wäh aber sieht wirklich wundärrschön aus!“. Wohlwollend fuhr sie in ihren Ausführungen fort. Dabei blieb ihr eigenes schönes Gesicht auffallend ruhig und gefasst, obwohl aus ihren Augen nun Blitze sprühten. „Man will natürlich keine Donald Duck Lippä, abär man kann das säärr gut rägulieren. Ein bisschän märrkt man äs natürrlich schon – man kann nicht märr so gut gut mit einäm Strohhalm trinkän.
Eigäntlich gar nicht märr“, präzisierte sie nach einem Moment.
Mir schwante, dass sie nicht bloss aus beruflichem Interesse sprach und allmählich wurde mir klar, warum sie selber so selten lächelte.

„Ich werd’s mir überlegen“, sagte ich, doch mein Entschluss war gefasst. Nicht dass mein Leben an einem Strohhalm hing, aber mein Lächeln ist eins der wenigen Dinge, auf die ich stolz bin.
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„Nu lach doch mal, Kindchen“, pflegte meine Tante Eia zu sagen, „siehste gleich viel hübscher aus!“ Meist brauchte sie gar nichts zu sagen, es genügte schon, wenn sie mich mit diesem strengen Blick anschaute, eine Augenbraue leicht hochgezogen, was ihr ein aristokratisches Aussehen verlieh.
Tante Eia war in meinen Augen steinalt, eine richtige Dame, unverheiratet und sehr stolz darauf. Niemandem wäre es in den Sinn gekommen, sie nicht mit dem damals noch gebräuchlichen Fräulein anzusprechen. Eine wahrhaft jungfräuliche Aura umgab sie, so jungfräulich, dass sie im Ehebett meiner Eltern zu schlafen pflegte, wenn sie bei uns zu Besuch war.
Zu Besuch kam sie regelmässig, vermutlich, um meiner Mutter, ihrer um einiges jüngeren Schwester, unter die Arme zu greifen.
Wir freuten uns immer zweimal. Zuerst, wenn sie kam, unbändig, aber auch, wenn sie wieder ging, erleichtert. Eine Weile noch hing dann ihr Duft in unserer Wohnung. Der Duft nach Kampfer von ihrem Wicks Inhalierstift , den sie sich regelmässig erst ans linke, dann ans rechte Nasenloch hielt, um kräftig daran zu schnupfen und auch der Duft ihr süsslich pudrigen Parfüms, denn sie war von Beruf Avon Beraterin und führte immer allerhand Schönheitsmittelchen mit sich, was mich zutiefst beeindruckte.

Leider führte sich immer auch belehrende Reden und man fühlte sich unweigerlich unzulänglich neben Tante Eia. „Lange Fädchen, faule Mädchen“, bemerkte sie zum Beispiel spöttisch, wenn ich den Faden zu lang abschnitt. Bei Tante Eia lernte ich sticken, stricken und häkeln, lauter Fertigkeiten, die meiner Mutter, die ein Wildfang gewesen war, abgingen. Tante Eia hatte klare Vorstellungen, wie sich eine zukünftige Dame zu benehmen hatte und sie versuchte nach Kräften, die Unterlassungssünden meiner Mutter auszubügeln und mir zumindest die rudimentärsten Benimmregeln beizubringen.

Wie war sie wohl zu ihrem Spitznamen Eia gekommen? Ich habe es versäumt, meine Mutter zu fragen, bevor sie in die Vergangenheit abdriftete und mich immer öfters mit ihrer jüngeren Schwester Annie verwechselte. Sie beide waren die Nesthäkchen der Familie gewesen, verwöhnt von den älteren Geschwistern und unbehelligt von der Mutter, die froh war, die häuslichen Pflichten abgeben zu können und die zwei Kleinen dafür ab und zu mit ins Kino schleppte, dem fortan ihre Leidenschaft gehörte.

Tante Eia hiess eigentlich Maria und war die Älteste gewesen, der die Erziehung der beiden Jüngsten oblag. Lange hatte sie davon geträumt, ins Kloster zu gehen, doch es war immer wieder etwas dazwischen gekommen, zuletzt der zweite Weltkrieg. Einmal war die Gestapo gekommen und hatte sie mitgenommen, ausgerechnet sie, die sich nie für Politik interessiert hatte und sich von Natur aus völlig unauffällig verhielt. Drei Tage hatte niemand gewusst, wo sie war und als sie wieder gekommen war, hatte sie kein Wort darüber verloren, was in diesen drei Tagen geschehen war, so erzählte meine Mutter mit unheilvoller Stimme.

Ich war froh, dass ich erst nach dem Krieg geboren worden war, froh, dass meine Mutter und Tante Eia ihn überlebt hatten, trotz der vielen Bomben, die es auf ihr Haus geregnet hatte, und ich war mit neun Jahren fest entschlossen, auch eine Dame zu werden, so wie meine Tante Eia, obwohl ich mir ein anderes Parfüm wünschte.

Fürs erste lächelte ich also, weil mich das offenbar hübscher machte, was dringend nötig war, und an diesen Grundsatz hielt ich mich während der nächsten Jahre, selbst dann, wenn mir nicht ums Lächeln war. Es öffnete mir so manche Tür, dieses Lächeln, und nicht selten half es mir auch , dunkle Stunden zu überstehen, denn es ist erwiesen, dass sich der physische Akt des Lächelns auch auf die psychische Befindlichkeit auswirkt und man sich besser fühlt, wenn man lächelt. Selbst dann, wenn einem nicht danach ist.

Was mag aus Tante Eia geworden sein? Eines Tages hörten ihre Besuche auf und weil ich gerade mitten in meinen Teenager Jahren und sehr mit mir selber beschäftigt war, insistierte ich nicht, wenn mir meine Mutter auf meine Fragen ausweichend antwortete. Es war zu einem Streit gekommen, meine Mutter hatte sämtliche Kontakte zu ihrer Familie abgebrochen, sogar zu ihrer jüngeren Schwester, die ganz in der Nähe, irgendwo in Zürich lebte und viel später erfuhr ich, dass Tante Eia gestorben war, an Krebs.

Das war einer der Momente, in denen ich nicht lächelte, und ich fragte mich, wie wohl ihre letzten Lebensjahre ausgesehen haben mochten. War sie einsam gewesen? Sie hatte keine eigene Familie gehabt; was, wenn sie ganz alleine hatte sterben müssen? Und was würde sie sagen, wenn sie mich heute sehen könnte? Wäre sie enttäuscht, weil aus mir keine Dame geworden ist? Oder aber würde sie sich darüber freuen, dass ich in eine ganz andere Zeit hinein geboren wurde als sie selber und dass ich ein Leben führen kann, das mich glücklich macht?

Denn ja, ich bin glücklich und weil ich glücklich bin, fällt mir das Lächeln, das mir Tante Eia einst verordnet hat und das so zu ihrem eigentlichen Vermächtnis geworden ist, leicht und so soll es auch bleiben.

Zum Teufel mit den paar Lippenfalten!

© Renate Sturzenegger

Eva und Adam

Laut der überlieferten Geschichte war es Eva, die von der verbotenen Frucht kostete und damit unser aller Unglück heraufbeschwor. Andernfalls wäre uns einiges erspart geblieben und das Paradies vielleicht heute noch in unserer Hand. Tatsache ist: Wir befinden uns nicht im Paradies. An der Geschichte muss also etwas dran sein.

Allerdings fragt man sich: Wieso hat die Schlange – überaus listig soll sie gewesen sein – für ihren Coup Eva ausgewählt? Der Risikofaktor war hoch, denn was, wenn Eva die verbotene Tat verweigert hätte? Eine sicherere Komponente wäre Adam gewesen, der sich in Sachen Früchten vielleicht weniger gut auskannte. Nichts ahnend hätte er hineingebissen und damit nicht nur Gott enttäuscht, sondern auch den Lauf der Welt massgeblich verändert weil: Konsequenterweise hätte Gott nun Adam die Leiden der Geburt auferlegen müssen.

Neun Monate später wäre Kain zur Welt gekommen. Möglicherweise die erste und letzte Geburt in der Geschichte der Menschheit. Sicher aber hätte Adam Jahre gebraucht, um sich von den Strapazen dieses Ereignisses zu erholen. Der Altersunterschied zwischen Kain und Abel wäre beträchtlich gewesen und Kain hätte von Anfang an einen ausgeprägten Beschützerinstinkt für seinen kleinen Bruder entwickelt. Beim Brandopfer hätte er seinen Rauch mit Absicht zur Seite gefächelt und den kleinen Abel stolz gelobt, wäre dessen Rauchsäule steil in den Himmel gestiegen. So wäre uns im Morgengrauen der Menschheit der Brudermord erspart geblieben und wer sich je mit Familienstellung befasst hat, wüsste diese Tatsache zu schätzen.

Interessant auch, den Gedanken der männlichen Empfängnis weiterzuverfolgen. Wie sähe unsere Gesellschaft dann aus?

Die monatlichen Unpässlichkeiten würden es Männern verunmöglichen, in Wirtschaft und Politik Karriere zu machen. Der Schwangerschaftsurlaub würde im Minimum ein Jahr dauern. Von den ersten Anzeichen morgendlicher Übelkeit an wäre Mann nicht mehr in der Lage, seinen beruflichen Pflichten nachzukommen. Die Geburt selber wäre mittlerweile schmerzfrei möglich, dafür hätte die Forschung gesorgt. Damit wäre einerseits das Thema der Unterbevölkerung zwar nicht vom Tisch, aber vorläufig im Zaum zu halten. Das der Überbevölkerung hätte sich gar nie materialisiert.
In den Familien würde eine klassische Rollenverteilung vorherrschen: Frauen stellten die Ernährung sicher und Männer blieben zu Hause bei den Kindern, wo sie sich vornehmlich um deren Erziehung kümmerten, weit davon entfernt, die Doppelbelastung von Familie und Beruf auf sich zu nehmen. Hauspflegerin wäre ein anerkannter und gut bezahlter Beruf mit hoher gesellschaftlicher Wertschätzung. Gerade hätte Hillary Clinton öffentlich verkündet, wie sehr sie sich darüber freue, das Zepter demnächst an ihre Nachfolgerin Michèlle Obama weiterzureichen und sich fortan nur noch der Umweltverschönerung zu widmen …

Vermutlich war die Schlange wirklich sehr schlau. Damit hätte sie sich nicht zufriedengegeben. Sie wollte das schlimmstmöglichste Szenario

© Renate Sturzenegger

 

Endlich Ferien

Ich packte meinen Koffer und nahm mit.
Zwei Wochen an der Ostsee, da braucht man einiges.
Ich brauchte Hosen, lange und auch kurze, denn vielleicht würde es wider Erwarten warm werden.
T-Shirts brauchte ich und legte eins nach dem anderen in den Koffer, blaue, schwarze, weisse beige, ein rotes, das gemusterte, auf das ich nicht verzichten mochte, solche mit und ohne Arm, kurze, lange, enge, weite, ich würde nicht waschen müssen.
Ferien!
Endlich!!
Zu den T-Shirts kamen Pullover, zwei leichte, zwei warme, ausserdem eine Faserpelzjacke.
Ich brauchte Socken, Unterwäsche, zwei Pyjamas, einen Regenschutz, den vor allem, vielleicht aber doch einen Sonnenhut und Sonnenbrille.
Man weiss nie.
Und Badehosen. Ich wohnte schliesslich am Strand. Auch ein Strandtuch kam in den Koffer.
Wie schön, Ferien zu haben.
Meine Wind- und Wetterjacke würde ich tragen, genau wie die Trecking Schuhe, aber ich brauchte auch ein leichtes Jacket, zur Sicherheit, zwei Hemden und Halbschuhe.
Man kann nie wissen.
Und Turnschuhe.
Und Sandalen.
Wer weiss.
Der Koffer war schon ziemlich voll.
Schon schön, in die Ferien fahren zu können.
Immerhin musste ich nicht wie früher noch Bücher mitschleppen. Ich hatte mir bereits die geeignete Ferienlektüre auf meinen e-Book-Reader geladen und falls nötig, wäre es ein Leichtes, zu mehr Lesestoff zu kommen.
Der e-Book-Reader also. Und das i-Phone, das sowieso, und auch der kleine Laptop musste mit, vielleicht hatte ich ja Lust zum Schreiben. Ganz bestimmt sogar.
Nie schreibt es sich schöner als in den Ferien.
Wo war nochmals die Liste mit den wichtigsten Passwörtern?
Nichts ist ärgerlicher als das Nichtmehrzugreifenkönnen auf die wichtigsten Konnten.
Auch in den Ferien. Gerade dann.
Die Kopfhörer mussten ebenfalls mit, die guten, denn nur so ist Musik richtig zu geniessen.
Und was sind Ferien ohne Musik?
Das Necessaire würde ich erst am Morgen einpacken, aber ich schrieb schon mal eine Liste, was alles mit musste. Ich wollte keinen Stress mehr, am Morgen der Reise.
Dann war ich ja praktisch schon in den Ferien.
Schön würde das sein.
Endlich nichts mehr denken zu müssen.
Aber die Medikamente, die sollte ich schon einpacken. Meine Neigung zum Hypochonder machte leider keine Ferien, also nahm ich auch hier mit.
Ich würde Schmerztabletten brauchen, am besten solche, die auch das Fieber senkten, die diversen Vitamine, die ich zu mir nahm, auch Mineralstoffe, dann etwas gegen Verstopfung und auch ein Medikament im Falle des Gegenteils, ausserdem ein allgemeines Magen Darm Relax. Ich würde mich gegen eine drohende Erkältung wappnen müssen, aber auch etwas zur Behandlung eines Sonnenbrandes mitnehmen. Schlaftabletten, ohne die ging ich nirgendwohin, denn was gibt es Schlimmeres, als wach im Bett zu liegen.
Besonders während der Ferien.
Der Koffer war voll, es würde nicht einfach sein, ihn zuzukriegen.
Vorsichtshalber probierte ich es. Er wölbte sich nach allen Seiten.
Ich würde das Necessaire in einer zusätzlichen Tasche verstauen müssen.
Ferien sind schön, aber bis man erst einmal da ist…
Aber dann, dann erholt man sich. Ohne Frage. Allerdings kehrt man auch dümmer zurück, das hatte ich kürzlich in einem Artikel über eine Studie gelesen. Weil das Gehirn weniger gebraucht wird, sinkt seine Leistung. Nachfrage und Angebot, es macht eigentlich Sinn.
Also noch das Sudoku-Heft und ein paar Kreuzworträtsel einpacken, vielleicht auch das neu erstandene Buch „Französisch in dreissig Tagen“. Auch wenn ich nur vierzehn an der Ostsee sein würde.
In den Ferien.
Eigentlich könnte ich auch die Gitarre mitnehmen. Und ein paar Notenhefte. Wann würde ich mehr Zeit haben als während der Ferien, um endlich diesen F-Dur Griff in die Finger zu kriegen?
Dafür hat man doch Ferien. Oder?
Ich sah auf mein Gepäck. Ganz schön viel würde ich mitnehmen, mitnehmen müssen.
Ferien.
Auf einmal war ich sehr müde. Morgen würde ich früh aufstehen müssen; der Flug ging schon um viertel nach acht.
Ich nahm eine Schlaftablette, legte mich ins Bett und träumte von meinen Ferien: In meinem Strandappartement angekommen packte ich meinen Koffer aus und legte eins nach dem anderen an seinen Platz, aber mit jedem Gegenstand veränderte sich auch die Umgebung, bis ich endlich gewahr wurde: Ich war zu Hause. In meiner eigenen Wohnung.

Am nächsten Morgen stand ich auf wie immer, tat so, als sei es ein ganz normaler Tag, jeden Gedanken an Ferien verdrängend, unterdrückend, und schlich mich schliesslich wie ein Dieb aus meiner Wohnung, in der Tasche das Flugticket, meinen Pass und die Kreditkarte.

Alles andere liess ich da.
Endlich Ferien.

© Renate Sturzenegger

Fundstück

Mathilda hatte sich daran gewöhnt, Dinge zu verlieren. Ständig suchte sie etwas: ihre Schlüssel, die CD von Duffy, die Wimperntusche, ihr Portemonnaie. Das brachte ihren Zeitplan empfindlich durcheinander. Selbst bei der Hochzeit ihrer Schwester hatte sie es nur mit knapper Not in die Kirche geschafft, bevor es ans Ringe tauschen ging, die sie nach nervenaufreibender Hektik und Gott sei Dank wieder gefunden hatte.

Mathilda hatte aufgehört, sich zu fragen, warum das so war. Sie hatte diesen leidigen Aspekt ihres Lebens akzeptiert wie so vieles andere: ihre vorstehenden Zähne, die dicke Brille auf der Nase, weil es zu teuer kam, die verlorenen Kontaktlinsen ständig zu ersetzen, ihren Single-Status und den öden Job im Büro. Ihr Leben fand in einem Hinterhof statt, wo kein Sonnenstrahl sich hin verirrte. In diesem Hinterhof aber hatte sie sich bequem eingerichtet, denn: Wo keine Sonne ist, da gibt es auch keinen Schatten.

Ihre Wohnung war ihr Refugium, ihr kleines Paradies. Da sie sowieso alles verlegte, hielt sie sich nicht damit auf, Ordnung zu schaffen. Wie eine Insel thronte inmitten ihrer gleichmässig verteilten Habseligkeiten ein überdimensionales geblümtes Sofa. Auf diesem Sofa ass, schlief, las und schrieb sie. Letzteres tat sie in bunte Hefte mit blütenbedruckten Blättern. Das war der einzige romantische Aspekt ihres Daseins. Der zweite Fixpunkt in ihrer Wohnung und damit in ihrem Leben war der grosse Fernseher, Mathildas Fenster zur Welt. Als sie eingezogen war, hatte ihre Schwester gefragt: „Und was ist mit einem Tisch? Wo isst du? Wo bewirtest du deine Freunde?“ Mathilda hatte nichts darauf geantwortet. Sie hatte keine Freunde, wenn man von den Protagonisten der abendlichen Soaps absah. Mit ihnen teilte sie ihr Abendbrot – auf dem Sofa.

Mathilda war darin geübt, Dinge zu verlieren, aber dennoch erschrak sie, als sie eines Morgens selber weg war. Sie merkte es beim Zähneputzen. Ungläubig starrte sie in den Spiegel, doch sie konnte sich nicht sehen. Sie suchte unter dem Sofa, zwischen den Bücherstapeln, im Kühlschrank – ohne Erfolg. Wieder stellte sie sich vor den Spiegel, liess ihre Finger über die Wangen, durch ihr krauses Haar gleiten, kniff die Augen zusammen, nahm die Brille ab und setzte sie wieder auf. Vergeblich: Sie konnte sich zwar spüren; sehen konnte sie sich nicht.

Die Uhr zeigte mittlerweile zehn nach acht. Gleitende Arbeitszeit hin oder her; wenn sie nicht binnen einer Viertelstunde aus dem Haus gehen würde, bekäme sie Ärger im Büro. Mathilda hasste Ärger. Am liebsten war es ihr, wenn ihr Kommen und Gehen gar nicht bemerkt wurde, sie quasi unsichtbar war. Darin hatte sie erstaunliche Fähigkeiten entwickelt und hätte man ihre Kollegen im Grossraumbüro nach Mathilda gefragt, so hätte manch einer nachdenklich zur Antwort gegeben: „Mathilda…Mathilda wer? “

Vermutlich hätte man weder Mathildas Zuspätkommen noch sie selber bemerkt, doch diese Möglichkeit zog sie nicht in Betracht. Es war paradox, aber jetzt, da sie für sich selber unsichtbar geworden war, traute sie sich nicht ins Büro. Stattdessen setzte sie sich auf ihr geblümtes Sofa und nahm ein Schreibheft zur Hand. „Schreib es auf!“, sagte eine innere Stimme zu ihr. „ Schreib es auf, bevor du vergisst, wer du bist und wie du aussiehst!“ Und Mathilda begann zu schreiben. Sie schrieb Stunde um Stunde, füllte Seite um Seite, Heft um Heft. Sie beschrieb ihr Äusseres, vom widerspenstigen Wirbel hinter dem rechten Ohr über den kleinen Leberfleck an der Oberlippe, der sie leider nicht zu Cindy Crawford machte, bis zu den Fussknöcheln, die so ungebührlich weit herausstanden. Sie zählte all ihre Gewohnheiten, Vorlieben, Macken auf; was sie gut konnte, was sie hasste, wovon sie träumte, was sie ängstigte. Je länger sie schrieb, desto mehr fühlte sie, wie sich der Stift in ihrer Hand selbständig machte. Sie schrieb nicht mehr, wie sie war, sondern wie sie sein könnte, sein wollte. Eine Euphorie bemächtigte sich ihrer, wie sie es noch nie erlebt hatte und sie merkte kaum, wie die Tage und Nächte vergingen.

Vier Tage nach dem Morgen, als Mathilda sich verloren hatte, schraubte sie den Stift zu, schloss das letzte Heft und stand auf. Ohne zu zögern trat sie vor den Spiegel und tatsächlich: Da war sie wieder. Sie lächelte sich zu. Begütigend, nachsichtig, ein wenig mitleidig, aber wohlwollend. Noch sah sie im Spiegel einen wirren Haarschopf, eine dicke Brille, vorstehende Zähne, eine späte Jungfrau. Noch. Das würde anders werden. So stand es in ihrem Lebensentwurf. Und während Mathilda sich noch in diesem Augenblick sonnte, erschloss sich ihr die Erkenntnis: Manches muss man erst verlieren, um es finden zu können.

© Renate Sturzenegger

Ein schwarzer Tag

Der Tag hatte ungünstig begonnen.

Lange vor dem Schrillen seines Weckers war Hugentobler schweissgebadet aus einem Albtraum aufgeschreckt, an den er sich nicht erinnern konnte. Er konnte sich nie an einen Traum erinnern. Machte er die Augen auf, so kehrte er aus einer unbekannten Welt zurück, zu der er keinerlei Verbindung hatte. Mit klopfendem Herzen in seinem Bett liegend wurde er das Gefühl nicht los, dass der Schrei, welcher ihn aus dem Schlaf gerissen hatte, real gewesen war. Ein erschreckender Gedanke.

Immer schon war ihm die Nacht unheimlich erschienen: siebeneinhalb Stunden, über die er keine Kontrolle hatte, ein schwarzes Loch in seinem minutiös geplanten Leben. Etwas später, nachdem er sich beruhigt hatte, stellte er den Wecker ab, eine halbe Stunde vor der Zeit, und schlurfte in die Küche. Wie jeden Morgen brühte er sich eine Tasse Tee auf und bestrich zwei Scheiben Brot mit einer dünnen Schicht Butter. Doch er konnte sein Frühstück nicht geniessen. Sie störte ihn, diese zusätzliche Zeit, die ihm nicht geschenkt erschien, sondern aufgebürdet. Sie durchbrach seine strenge Routine, die es ihm ermöglichte, sich durchs Leben zu schlagen. Der ungewohnte Ablauf führte schliesslich dazu, dass er auf den Bus rennen musste, was ihm noch nie passiert war.

Die fixen Zeiten, die Hugentoblers Tag strukturierten, waren sein Netz für den Hochseilakt, mit welchem sein Alltag zu vergleichen war: Stets über dem Abgrund, bereit zu fallen.

Als er sein Büro erreichte, hatte Hugentobler sich einigermassen gefangen. Seine Arbeitskollegen begrüssten ihn wie jeden Morgen; automatisch, ohne viel Aufhebens. Er grüsste zurück, wie er dies immer tat, seit bald vierzig Jahren. Es waren nicht dieselben Leute wie einst; ab und zu war jemand gegangen, ein anderer gekommen. Die Abteilung galt als Durchgangsstation, als Sprungbrett zu einem besseren Job. Hier lernte man die Grundbegriffe für das Versicherungsgeschäft, arbeitete sich durch die gängigsten Formulare, um seine erworbenen Kenntnisse dann in den verschiedensten Bereichen anwenden zu können. Für Hugentobler spielte der stete Wechsel keine Rolle, die Gesichter seiner Arbeitskollegen waren für ihn nur schwer zu unterscheiden, und sobald er an seinem Schreibtisch sass, ganz auf die Formulare vor sich konzentriert, verschwammen sie mit dem Hintergrund. „Pal“ nannten ihn die anderen. Es hatte ihn verwundert, dass sie ihm diesen Spitznamen gaben, das englische Wort für „Kumpel“. So fühlte er sich nicht. Er war es auch nicht. In Wahrheit war das Wort eine Abkürzung für „pünktlich, aber langweilig“.

Was anderen langweilig erschien erschien, stellte für Hugentobler ein bescheidenes Mass an Geborgenheit dar. Er liebte seinen Arbeitsplatz, der stets in peinlicher Ordnung war und wo jeder Handgriff das Gesuchte zutage förderte. Lag er in seinem Bett und konnte, was selten vorkam, nicht sofort einschlafen, so verschaffte es ihm Befriedigung, den Inhalt seiner Pultschubladen zu visualisieren, wo er jeden Gegenstand am richtigen, für ihn perfekten Platz wusste. Nach all den Jahren kannte er jedes Formular und nur, wenn ein neu aufgelegtes auf seinen Tisch flatterte, verursachte ihm dies kurzzeitiges Herzklopfen. Für gewöhnlich arbeitete er ruhig, in gleichmässigem Tempo, und die Sicherheit, welche diese anderen langweilig erscheinende Routine mit sich brachte, umgab ihn wie eine schützende Luftblase.

Vier Wochen Ferien standen ihm pro Jahr zu. Da er keine Möglichkeit sah, sich ihnen zu entziehen, legte er sie jeweils zusammen und nahm sich einen ganzen Monat im Mai frei. Der Mai war immer sein Lieblingsmonat gewesen. Als kleiner Junge hatte es ihn verblüfft und zeitweise auch erschreckt, wie sehr sich die vertraute Welt um ihn herum verändert hatte. Mit den Jahren hatte der Frühling alles Unheimliche verloren und jetzt, kurz vor seiner Pensionierung, genoss er es, die lauen Maitage auf einer Parkbank zu verbringen, und den Leuten zuzusehen. Nicht alle Jahreszeiten hatten es ihm so angetan und ab und zu fragte er sich bang, was es nach seinem Rückzug aus dem Erwerbsleben zu beobachten gäbe. Es würde zeitweise sehr ungemütlich werden, auf der Parkbank, das ahnte er, doch liess er diese Gedanken nicht zu, sondern schob sie schnell von sich.

Um 8.30 Uhr machte Hugentobler sich an seine Arbeit, und die Dinge nahmen ihren gewohnten Lauf. Das Gefühl der Sicherheit, das langsam zurückkehrte, wurde um 12 Uhr jäh zerstört, als beim automatischen Griff in seine Mappe klar wurde: Die Lunchbox stand zu Hause auf der Küchenablage. Mist! Seine Gedanken begannen sofort, um die drohende Frage zu kreisen: was jetzt? Noch nie hatte er über Mittag das Büro verlassen, und die Idee, sich in die allgemeine Hektik zu begeben, verursachte ihm Übelkeit. Er beschloss, das Mittagessen ausfallen zu lassen und statt dessen durchzuarbeiten. Sein ungewöhnliches Verhalten wurde mit einigen erstaunten Blicken bedacht, doch niemand hielt es für nötig, ihn darauf anzusprechen.

Endlos zogen sich die Nachmittagsstunden dahin, und Hugentobler fühlte sich zunehmend erschöpft; zeitweise verschwammen die Buchstaben vor seinen Augen. Eigentlich hätte er eine Stunde früher nach Hause gehen können, da er mit seinem täglichen Pensum durch war. Immer noch aber trachtete er verzweifelt danach, seinen Rhythmus wiederzufinden, und so blieb er verbissen sitzen, lustlos in einem Versicherungsmagazin blätternd.

Schliesslich verliess er sein Büro pünktlich um 17.30 Uhr, ging mit wackligen Knien am Pförtner in der Eingangshalle vorbei und hörte nur undeutlich, wie dieser sagte: „Pünktlich wie immer, Herr Hugentobler.“ Sein eigenes „Genau“ und „Auf Wiedersehen“ blieb heute ein undeutliches Gemurmel, und der Pförtner blickte ihm mit gerunzelter Stirn nach, während Hugentobler sich mit schleppendem Schritt entfernte.

Kaum an der Bushaltestelle angelangt, musste er auch schon einsteigen, was ihn zusätzlich verwirrte: War der Bus heute früher als sonst? Entgegen seinen Gepflogenheiten sprach er nicht mit dem Busfahrer Willy Heusser, einem ehemaligen Nachbarsbuben, der schon seit Jahren diese Linie fuhr. Er hatte einfach nicht mehr die Kraft dazu, und Heusser, dem die blasse Gesichtsfarbe seines Fahrgastes auffiel, fragte sich, ob bei diesem wohl eine Grippe im Anzug war. Beim Aussteigen rief er ihm noch nach: „Tee mit Cognac und früh ins Bett, gell?“, was Hugentobler mit schwachem Nicken quittierte.

Er wünschte sich nichts sehnlicher, als endlich daheim zu sein, sich an seinen gewohnten Platz am Küchentisch zu setzen und diesen furchtbaren Tag hinter sich zu lassen. Da seine Sicht vor lauter Erschöpfung verschwamm, sah er den grauen Audi, der im Regen fast unsichtbar war, erst spät.

Im letzten Augenblick konnte er sich mit einem Sprung retten, doch verlor er das Gleichgewicht und stürzte mitten in eine Pfütze. Noch während er fiel, hörte er einen lauten Schrei in seinen Ohren hallen, und als er am Boden lag, kaum noch bei Bewusstsein, begann er zu kichern, erst leise, dann immer lauter

© Renate Sturzenegger

 

 

Kleine Panne mit grosser Wirkung

„Verdammt, wieso habe ich mich nur um diesen Pannenkurs gedrückt“, denkt sie, als sie ihr Rad bei Anbruch der Dunkelheit heimwärts schiebt. Welche Ironie des Schicksals. Seit drei Jahren verschickt sie Einladungen an die Mitarbeiter für die zweimal jährlich stattfindenden Kurse. Eine Idee der Hauspsychologin. Auf die Persönlichkeit von Leuten, die den ganzen Tag am Bildschirm sitzen, würde es sich positiv auswirken, wenn sie in der Lage wären, selbständig einen Platten zu flicken oder die Kette wieder einzusetzen. Mit dem dadurch gewonnenen Selbstbewusstsein würden sie auch an virtuelle Probleme zuversichtlicher herantreten und fürs Gemeinschaftsgefühl sei ein Kurs, wo man sich die Hände schmutzig mache, sowieso Gold wert.
Viele kommen mit dem Rad und auch wer es nicht tut, nutzt das Angebot. Nur sie nicht. Sechs verpasste Gelegenheiten… Immer wieder hat sie es sich vorgenommen, aber da die Berge im Sekretariat nicht dazu tendieren, kleiner zu werden, ist es nie dazu gekommen. Und jetzt hat sie kein Flickzeug. Und selbst wenn: Ob sie es innert nützlicher Frist hinkriegen würde, das Rad fahrtauglich zu machen, ist zweifelhaft.

Sie hasst es, jemanden um Hilfe bitten zu müssen. Morgen wird sie sich Flickzeug besorgen und das Rad reparieren. Auf Youtube gibt es für alles eine Anleitung, und letztlich ist es nicht das erste Mal. Sie hat schon früh gelernt, sich selber zu helfen und war als ältestes Kind und einziges Mädchen der Familie immer stolz darauf, ihren Brüdern in nichts nachzustehen. Trotzdem – einen Reifen hat sie schon lange nicht mehr geflickt.

Die Sonne ist unter dem Horizont verschwunden, die Luft ist immer noch schwül. Sie spürt ein Rinnsal auf dem Rücken und verlangsamt ihr Tempo. Eine gute halbe Stunde Weges liegt noch vor ihr. Sie könnte als Abkürzung dem Fluss entlang gehen, doch der Dunkelheit wegen folgt sie der Hauptstrasse, um dann nach links abzubiegen, Richtung Schwimmbad.

Bald taucht der verschlossene Eingang des Schwimmbads auf. Ihr kommt in den Sinn, wie viele glückliche Stunden sie hier einst verbracht hat. Wie schrecklich lang die letzte Schulstunde an einem heissen Sommertag schien, nicht enden wollend, jede Minute eine quälende Ewigkeit. Und dann der erste Sprung ins kühle Nass: welch unbändige Freude. Noch heute kann sie fühlen, wie ihr Herz geklopft hatte und sie fast geplatzt war vor Glück.

Wann hat sie das letzte Mal einen so reinen Glücksmoment erlebt? Der Gedanke schleicht sich in ihren Kopf und anders als all die vielen anderen, die kommen und gehen, bleibt er, setzt sich fest. Gibt es etwas, was sie jetzt noch richtig glücklich macht?

Sie liebt es, mit ihrer Katze auf dem Bauch auf dem Sofa zu liegen und zu lesen. Ab und zu gönnt sie sich eine ausgedehnte Mussestunde in ihrem Lieblingskaffee und ein schöner Film im Kino kann sie zu Tränen rühren. Auch auf die Ferien freut sie sich jeweils. Seit Jahren fliegt sie ins selbe kleine Dorf am Meer, wo sie sich prima entspannen kann. Ein gutes Leben hat sie, das lässt sich nicht leugnen. Ab und zu denkt sie ein bisschen wehmütig an die verpasste Möglichkeit einer Familie, aber jedes Mal, wenn sie bei Ulla zu Besuch war, die vier Kinder hat, ist sie wieder ganz zufrieden mit ihrem eigenen Leben. Auch Männer spielen eine Rolle darin, obwohl sie keinen zu nah an sich heranlässt. Zu sehr liebt sie ihre Eigenständigkeit.

Während sie ihr Rad dem Zaun entlang des Schwimmbads schiebt, fragt sie sich, ob Zufriedenheit dasselbe ist wie Glück. Ob Glück vergleichbar ist mit diesem Wahnsinnsgefühl, Achterbahn zu fahren, abwärts, das sie als Kind manchmal überrollt hat, wenn sie für einen Moment so unaussprechlich froh war, dass es kaum auszuhalten war. Wenn sie darauf wartete, dass die Glocke sie ins Weihnachtszimmer rief, am Abend vor den langen Sommerferien oder … wenn sie der Kassiererin beim Eingang zum Schwimmbad ihre Dauerkarte entgegenstreckte, in der Nase bereis den vertrauten Chlorgeruch und auf das Plätschern des Wassers lauschend.

Wann passiert es, dass man aufhört, Kind zu sein? Wo unterwegs kommt einem das Talent, sich in den siebten Himmel katapultieren zu lassen, abhanden? Wieso entscheidet man eines Tages mit dem Kopf und nicht mehr mit dem Bauch? Ist es die Verantwortung, die Unbeschwertheit nicht mehr zulässt? Ist sie schuld, dass die köstlichen Spitzen unbändiger Freude durch satte Zufriedenheit ersetzt werden?

Ihre Sinne nehmen das nahe Schwimmbecken wahr. Es liegt versteckt hinter den Büschen, in der Dunkelheit. Mittlerweile klebt ihr das T-Shirt am Körper.

Sie weiss später nicht mehr, ob sie die Entscheidung bewusst getroffen, ob sie pro und contra abgewogen hat. Wäre sie mit ihrem Rad weitergegangen, hätte sie gewusst, dass noch jemand im Restaurant des Bades zugange ist?
Aber was hätte sie davon abhalten können, dem plötzlichen und unwiderstehlichen Drang nachzugeben, ihr Rad an den Zaun zu lehnen, darüber zu klettern, sich ihrer Kleider zu entledigen und endlich – endlich! – wieder einmal so einzutauchen, dass die Wellen reinen Glücks über ihr zusammenschlagen.

Das Prickeln des kühlen Wassers auf ihrer Haut und das Flattern in der Bauchgegend wiegen die Peinlichkeit auf, unvermittelt und splitternackt von einem Schwimmbadangestellten aus dem Wasser zitiert zu werden, sich tropfnass die Kleider überstreifen und den Mann anschliessend davon überzeugen zu müssen, dass er keine Anzeige machen solle.
Sie würde es nicht wieder tun. Versprochen. Ehrenwort.

Als sie auf dem Trottoir dahingeht, das Rad neben sich her schiebend, fröstelt sie in ihren nassen Klamotten. Aber sie tut etwas, was sie auf offener Strasse zuletzt als Kind gewagt hat: Sie singt ein Lied. Es ist das einzig mögliche Ventil für das in ihr hochsprudelnde Glück und während sie halb singt, halb lacht, denkt sie: „Zum Teufel mit dem Pannenkurs.“

© Renate Sturzenegger

Denk nicht…

Bin ich traurig, dann erinnere ich mich bekümmert daran, wie die Traurigkeit dein Leben geflutet hat, immer wieder in Wellen über dich geschwappt ist und dich schliesslich, als du keine Kraft mehr hattest zu schwimmen, ertrinken liess.
Frieden.
Ich hoffe, du hast ihn gefunden.

Denk nicht, dass ich dich vergessen habe.

Aber auch wenn mir lustig zu Mute ist, denke ich an dich, sehe ich dein spitzbübisches Lachen und erinnere mich an deinen unvergleichlichen Humor, mit dem du, als du noch konntest, sogar über deine dunklen Seiten Witze machtest. Gab es denn etwas, vorüber wir keine Witze machten? Und ich sehe deine schlanke Gestalt mit kräftigen, eleganten Zügen das Wasser durchpflügen – welch ungeahnte Kraft! – während ich mich, faul, in der Sonne räkle.
Glück.
Ich hoffe, du hast es gefunden

Denk nicht, dass ich dich vergessen habe.

In der Sonne hab ich mich gefühlt, wenn wir zusammen waren, und das ist seltsam, weil dein Leben von Schatten geprägt war, schon lange bevor wir uns begegnet sind.
Und was war ich dir? Ein Sonnenstrahl, der durch die Wolken brach oder aber eine Wolke, die sich vor die Sonne schob?
Zweifel.
Ich hoffe, du hast sie für immer hinter dir gelassen.

Denk nicht, dass ich dich vergessen habe.

Wenn Lebenswege vorgezeichnet sind, dann stand es vor der Zeitrechnung fest, dass wir einander begegnen würden. Und als wir uns wieder auf den Weg machten, der nicht derselbe war, da wusste das Schicksal schon, dass deiner bald zu Ende sein würde und meiner aber nicht, und noch steht es in den Sternen, wohin er mich führen wird

Denk nicht, dass ich dich vergessen habe.

Mein Weg aber ist auch deiner, denn unabhängig von allem, was mir seither begegnet ist, bist du ein Teil von mir..

Denk nicht, dass ich dich jemals vergessen werde.

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© Renate Sturzenegger

Denkwürdiger Ausflug

breisach 190607 892Mara schluckte. Schon in dem lächerlichen Zug, der als Shuttle zwischen Parkplatz und Vergnügungspark diente, hatte sie die Ahnung eingeholt. Die Ahnung, einen Fehler gemacht zu haben, Was heisst, einen Fehler? Gleich mehrerer Vergehen hatte sie sich schuldig gemacht und jetzt bekam sie die Rechnung dafür. 
Es war ein Fehler gewesen, sich nicht der Reisegruppe anzuschliessen, sondern auf eigene Faust hierher zu fahren. 
Es war ein Fehler gewesen, kein Taxi zu nehmen, sondern einen Mietwagen. 
Es war ein Fehler gewesen, sich das Auto nicht genauer anzusehen. 
Es war ein Fehler gewesen, sich die Parkplatznummer nicht zu merken. 


Mist! Sie war dermassen erleichtert gewesen, es bis hierher geschafft zu haben – die hiesige Verkehrsführung war gewöhnungsbedürftig – dass sie einfach ausgestiegen und davongegangen war. Betrübt starrte sie auf den Schlüssel in ihrer Hand. Ein Chevrolet. Ein erster Hinweis. Welche Farbe hatte das Ding noch mal gehabt? Rot? Oder doch blau? Die letzten Fahrgäste, die mit ihr im Shuttle gesessen hatten, starteten die Motoren ihrer Karossen und tuckerten gemächlich Richtung Ausgang. Es wurde still. Die Sonne brannte heiss vom wolkenlosen Himmel, und vom Teer aufgeheizte Luft liess die Konturen der Fahrzeuge weiter weg verschwimmen. Entfernt hörte man Kreischen und Gelächter aus dem Park, nahe am Ohr das Surren einer Mücke, klatsch, jetzt ein Blutfleck, am liebsten hätte Mara sich ein weiteres Mal geohrfeigt. Sie hatte Durst. Ihre Füsse schmerzten. Ob sie sich für kurze Zeit unter einen der paarweise gepflanzten Bäume setzen sollte?

Normalerweise fühlte sie sich zu Bäumen hingezogen. Sie erschienen ihr unerschütterlich und vermittelten ein Gefühl von Geborgenheit. Schutz vor Regen. Schutz vor Sonne. Schutz vor Selbstzweifeln. Normalerweise. Diese Bäume hier schienen ihr bedrohlich. Grimmig wirkten sie, flankiert von Autos in allen Farben, die leblos dastanden und ihnen einen morbiden Hauch verliehen. „Schlechtes Karma“, dachte Mara, „wie sonst kommt man als Baum in eine solche Teerwüste?“ 


Panik stieg in ihr auf. Sie blickte sich um. Was sollte sie tun? Der nächste Shuttle war noch nicht zu sehen – am Nachmittag wollte niemand nach Hause – und selbst wenn: Was hätte ihr das genützt? „Könnten Sie mir bitte helfen, mein Auto zu finden? Nein, ich weiss nicht, in welcher Sektion ich es abgestellt habe. Die Farbe? Äh … es ist ein Chevrolet …“

Mara, die über einigen Humor verfügte, wollte lachen, aber nur ein trockener Schluchzer war zu hören. Der Park an sich hatte sie schon geschafft, und wäre es nicht für eine Recherche gewesen, so hätte sie einen weiten Bogen um ihn gemacht. Sie sah bereits die Schlagzeile vor sich. „Parkplatz in der Mittagshitze wurde zur Falle für Touristin“. In einem Land wie diesem würde das Folgen haben. Bereits nächste Woche würde man ein brandneues Sicherheitssystem montieren, dass es auch dem grössten Deppen ermöglichen würde, sein Auto wiederzufinden.

In einem Anflug von Zorn – über die Hitze, über die unzähligen Autos, über ihre eigene Dummheit – warf Mara den Autoschlüssel zu Boden und trampelte darauf herum. Sie tat dies in dem Wissen, weit und breit das einzige Lebewesen zu sein, wenn man von den Retortenbäumen absah. Ein Blinken fünf Reihen weiter, begleitet von einem schrillen Sirenengeheul liess sie in Ihrem Tun innehalten. Mara erstarrte, entspannte sich – und dankte Gott für die Amerikaner, die an alles dachten.

© Renate Sturzenegger                       3.5.08 – Text zum Bild –  „write&change“    

Vera liest

Nicht, dass Vera ihren Ehemann nicht mehr liebte. 
Im Gegenteil; sie sehnte sich oft nach dem Gefährten, der sie einst so charmant umworben und alle Hebel in Bewegung gesetzt hatte, um ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Ihr Herz hüpfte, wenn sie an den gut aussehenden, humorvollen Mann dachte, der ihr nur in die Augen hatte blicken müssen, um ihr Innerstes schmelzen zu lassen. Bevor sie am Abend einschlief, dankte sie Gott für das Glück, ihm begegnet zu sein und auch ihr erster Gedanke am Morgen galt ihm, der ihr die schönsten Stunden ihres Lebens geschenkt hatte.

Das Dumme war: Den Mann, den sie über alles liebte, gab es nicht mehr. Er hatte nichts gemein mit dem Exemplar, das sich am Frühstückstisch hinter der Zeitung verschanzte, und nur hin und wieder unfreundliche Grunzlaute von sich gab. Legte er die Zeitung endlich, nach der dritten Tasse Kaffee, zur Seite, wurde es nicht besser, im Gegenteil. Was zum Vorschein kam, hatte keine Ähnlichkeit mit dem einstigen Adonis. Die schweren Augenlider reizten sie unwillkürlich zum Gähnen; schütteres Haar bedeckte den fleckig gewordenen Schädel. Die nach unten gezogenen Mundwinkel schienen explizit auf das schwabbelige Doppelkinn hinzuweisen, das in einen verblichenen Pyjama mündete. Alles andere blieb gnädig hinter dem massiven Holztisch verborgen.

Vera Meierhofer wäre durchaus zu Konzessionen bereit gewesen. Selber legte sie zwar Wert auf ein gepflegtes Äusseres aber sie war ein guter Mensch. „Innere Werte“, pflegte sie zu sagen, „das ist es, was zählt.“ Nun war es aber so, dass sie bei dem Mann, der anstelle ihres geliebten Ehemannes hier sass, keine finden konnte. So sehr sie suchte – und sie hatte oft gesucht während der letzten Jahre– , sie fand weder Toleranz, noch Verständnis und auch keine Liebe. Auf Fröhlichkeit wagte sie schon gar nicht mehr zu hoffen, die war schon lange auf der Strecke geblieben. Vera langweilte sich bloss noch mit ihrem Gegenüber und die Gewissheit wuchs, dass ihr eigentlicher Ehemann nicht mehr existierte, sich eines Tages, heimlich und unbemerkt, aus dem Staub gemacht hatte, und ihr dafür dieses geistlose Geschöpf dagelassen hatte, einen unzulänglichen Klon seiner selbst

Hätte sie ihren Liebsten nicht so vergöttert, sie hätte es ihm übelgenommen. 
So aber beschäftigte sie sich vorderhand mit der Frage, wie sie diesen lästigen Mitbewohner, der ihr Gallenbeschwerden verursachte, loswerden konnte. Ihn einfach so aus dem Haus zu jagen, brachte sie nicht über Herz. Er machte nicht den Eindruck, als ob er sich in der Welt, die für ihn offensichtlich jeglicher Freude entbehrte, zurechtfinden würde. Ausserdem zweifelte sie daran, dass er sich einfach fortjagen liesse, denn wenn er auch meist lethargisch in seinem abgewetzten Lehnstuhl sass; kräftemässig schien er ihr überlegen zu sein.
Vera musste anders vorgehen. Sie würde den Störenfried beseitigen. 
Da sie keine Ahnung hatte, wie das zu bewerkstelligen war, sich jedoch mit dieser delikaten Frage an niemanden wenden konnte, griff sie auf das zurück, was ihr im Leben schon oft weitergeholfen hatte: Sie las.

Von nun an lieh Vera sich in der Gemeindebibliothek ausschliesslich Krimis aus. Sie las Henning Mankell und Minette Walters. Sie verschlang alle Bücher von Elisabeth George und verliebte sich dabei in Inspektor Linley. Sie hoffte, ihr geliebter Mann möge ihr verzeihen, aber er hatte sich schliesslich schon lange nicht mehr blicken lassen. Kommissar Brunetti war zwar weniger ihr Typ, dennoch las sie die Bücher von Donna Leon ohne Ausnahme, zumal ihre Hochzeitsreise vor Jahrzehnten nach Venedig geführt hatte. Als sie damit durch war und auch alles von Ingrid Noll kannte, griff sie auf Patricia Highsmith und Agatha Christie zurück, und auch das Gesamtwerk von Georges Simenon ging durch ihre Hände.

Obwohl sie mit der Zeit zur wahren Expertin auf dem Gebiet des Mordens wurde, konnte sie sich nicht dazu durchringen, selber Hand anzulegen. Dafür gab die neu entdeckte Leidenschaft ihrem Leben einen Sinn und hielt sie davon ab, sich zu sehr auf den Mann an ihrem Tisch zu fokussieren. Je lebendiger die Figuren aus ihren Büchern wurden, desto mehr verblasste dieser, und obwohl er an Umfang zunahm, war er für sie kaum noch sichtbar. 
Vera las weiter, Buch um Buch, Tag für Tag – ein Mord reihte sich an den anderen. Milde lächelnd sass sie auf dem geblümten Sofa ihrer Wohnstube, die Haare inzwischen grau, während die Opfer in ihren Büchern erdrosselt, vergiftet, ertränkt oder erschossen wurden.
Eines schönen Tages, eben hatte sie ein Buch zugeklappt, stellte sie verblüfft fest, dass der Mann, an dem sie sich einst so gestört hatte, ebenfalls verschwunden war. Genau wie ihr geliebter Ehemann hatte er sich ohne grosses Aufheben davon gemacht und sie mit Brunettis Familie, Miss Marple und all ihren anderen neuen Freunden zurückgelassen.
Bedauerlicherweise hatte er auch diverse Möbel, ja fast den ganzen Hausrat mitlaufen lassen. Wenigstens das Bett, ihr Schreibtisch, einige Büchergestelle und der alte Schrank waren ihr geblieben. Und ihr Hochzeitsbild, das in einem goldenen Rahmen auf ihrem Nachttisch stand. Wehmütig zog Vera es an die Brust und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Noch immer konnte sie sich nicht sattsehen an dem schönen, jungen Mann, dem nach wie vor ihre uneingeschränkte Liebe galt.

Schwester Gabriela, die eben ins Zimmer gekommen war, lächelte begütigend und sagte: „Nicht traurig sein, Frau Meierhofer, Ihr Mann kommt bestimmt heute zu Besuch. Das tut er doch jeden zweiten Tag.“

© Renate Sturzenegger

Von Würmern und anderen Geschöpfen

„Der Junge benimmt sich einfach seltsam.“

Die Mutter hatte leise gesprochen, gestern, als sie mit seiner Tante Ina bei einer Tasse Kaffee gesessen hatte. Trotzdem hatte Peter sie gehört oder vielleicht gerade deshalb. Seltsam verhielten sich in seinen Augen die Erwachsenen und wenn sie leise sprachen, lohnte es sich meist, genau hinzuhören.

Der Apfel in seinen Händen wurde allmählich matschig. Nachdenklich betrachtete er ihn, und die Enttäuschung wuchs. Es war ihm gelungen, mit seinen Zähnen die Schale des Apfels säuberlich und vollständig abzulösen. Mit der Zungenspitze hatte er nachgeprüft, ob noch etwas übrig war von der wachsähnlichen Oberfläche der Frucht, und das Ergebnis hatte ihn befriedigt. Ein Gefühl der Vorfreude stieg in ihm hoch, als er an das süsse, saftige Fruchtfleisch dachte, in welches er jeden Moment beissen würde. Gleichzeitig spürte er ein leises Bedauern. Es gab keine Anzeichen dafür, dass der Apfel bewohnt war. Er studierte ihn genau. Nein – in diesem hier würde er nichts finden, keinen Wurm, nicht einmal die kleinste Made.
Entschlossen biss er in den feuchten, nun leicht klebrigen Ball.

„Wenn ich unter der Erde bin, werde ich jedem Wurm einen Gruss für dich auftragen“, hatte sie gesagt und gelacht. Die Mutter hatte angewidert die Augen verdreht und sie gescholten: „Wie kannst du dem Kind nur so was sagen!“
Aber Peter hatte Gefallen an der Vorstellung gefunden, und wie zwei Verschwörer hatten sie sich zugezwinkert.

Seine Oma hatte Würmer gemocht, genau wie er. Mit blossen Händen hatte sie die Erde durchpflügt, wenn sie bei ihrer Gartenarbeit ein besonders schönes Exemplar entdeckt hatte, um es mit Peter genau anzusehen.
Still hatten sie anschliessend im Gras gelegen und das faszinierende Geschöpf beobachtet, vorsichtig betastet, ja, zuweilen sogar beschnuppert. Nur hören konnte man Würmer nicht. Sie pflegten ihre Arbeit in absoluter Stille zu verrichten. Manchmal malte Peter sich aus, es wäre anders, und bei der Vorstellung, welch ohrenbetäubender Lärm in einer durchschnittlichen Wiese entstände, kicherte er und war beinahe versucht, sich die Ohren zuzuhalten.

Nun hatte es seine Oma ganz ruhig, und das war ihr sicher recht so.
„Das Problem der Menschen ist“, hatte sie oft gesagt, „dass sie nicht mehr schweigen können.“ Dabei hatte sie genickt und ihn bedeutungsvoll angesehen

Sie hatten oft zusammen geschwiegen, nicht nur in der letzten Zeit. Früher hatten sie es getan, weil sie beide es mochten, und weil sie das Geheimnis kannten: Nur wenn es absolut still ist, kann man das Wesentliche hören. Später hatten sie geschwiegen, weil das Sprechen seine Oma zu sehr angestrengt hatte. Oft hatte Peter an ihrem Bett gesessen und ihre alten, runzligen Hände gestreichelt. Er hatte diese Hände gemocht. Sie waren stark gewesen, früher, und doch auch wieder sanft. Wenn Peter, was selten vorkam, krank gewesen war, dann war es ihre kühle Hand auf seiner Stirn gewesen, die Schmerzen und Unwohlsein am besten vertrieben hatte. Ganz zum Schluss waren ihre Hände auch kühl, aber es war keine Kraft mehr ih ihnen; matt lagen sie auf der Bettdecke, und nur manchmal beugten sind die Finger ganz leicht und zeigten ihm so, dass er willkommen war.

Seine Mutter hatte das mit dem Schweigen nicht verstanden, aber sie machte sich ja auch nichts aus Würmern. Noch vielmehr ekelte sie sich vor allem, was mehr als vier Beine hatte, insbesondere vor Spinnen. Fand sie ein Netz, so wischte sie es schnell weg, was Peter innerlich zusammenzucken liess. Wusste sie denn nicht, wie viel Arbeit dahinter steckte, mit welchem Fleiss die kleinen Geschöpfe unermüdlich am Werk gewesen waren?
Zusammen mit Oma hatte Peter mehr als einmal bei der Entstehung eines dieser Kunstwerke zugesehen, und jedes Mal war er aufs Neue voller Bewunderung.

„Ob es wegen Mutter ist?“, hatte Mutter Tante Ina zugeraunt? „Ich glaube, er vermisst sie.“

Während er den letzten Bissen des Apfels verschlang, dachte Peter an das belauschte Gespräch zurück und schüttelte den Kopf. Wieso sollte er seine Oma vermissen? Sie war doch da, überall: in den spitzen Grashalmen, die seine Arme kitzelten und inmitten der duftenden Wiesenblumen, zwischen raschelnden Blättern und in der Erde, die den tröstlichen Geruch nach Torf verströmte. Er konnte ihre Stimme hören, zusammen mit dem Summen der Insekten und dem Zwitschern der Vögel. Sogar das leise Rauschen der Bäume im Wind sang ihm ihr Lied vor.

Das letzte Geheimnis hatte sie ihm verraten, wenige Tage bevor ihre Hände aufgehört hatten, zu ihm zu sprechen. „Es ist alles eins“, hatte sie ihm zugeflüstert, und er hatte nicht recht verstanden, was sie damit gemeint hatte. Später aber war ihm klargeworden, was es zu bedeuten hatte, als er sie überall spüren und hören konnte, und von diesem Moment an war er nicht mehr traurig gewesen.

Peter wischte sich die Hände an seiner Hose ab und beschloss, in den Garten zu gehen.
Bestimmt würde ihm dort ein Regenwurm begegnen.

© Renate Sturzenegger

Im Labyrinth

Kuno streckte die Beine von sich. Bis auf das Summen einer Biene, die sich im Blumenbeet linkerhand vergnügte, war es ruhig. Kein Vogelgezwitscher mehr, vermutlich war es ihnen zu heiss geworden. Selbst das Sonnendach vermochte die Hitze nicht einzudämmen und Kuno war es, als sässe er unter einer Käseglocke. Er schwitzte. 

Besucher waren keine im Anmarsch. Schon lange bevor sie jeweils ans Ziel vordrangen, hörte man ihr Gelächter und Geplapper, die spitzen Schreie der Frauen, wenn sie sich verloren glaubten, das „Mama?!“ der Kinder, welche sich wohlig gruselten, die betont ruhigen Stimmen der Männer, die ihre Familie souverän durch das Labyrinth dirigierten. Ein Ferienspass, die gelungene Aktivität für unsichere Tage.
Heute war Flaute. Badewetter. Heiss. Seit zwei Stunden hatte Kuno Dienst. Drei Familien waren hier gewesen, hatten Eis geschleckt, waren wieder gegangen. Er musste bleiben. Noch fünf Stunden. Gefangen im Labyrinth, unter einem Stern zwar, doch ohne Aussicht auf Erlösung.
Der Ferienjob war ihm gelegen gekommen; er konnte das Geld gebrauchen. Leicht verdientes Geld, wie ihm gesagt worden war. Eis verkaufen, ein Erinnerungsbild knipsen, ab und zu einen Insektenstich verarzten. Vorgestern hatte er eine Familie, die sich enorm ungeschickt angestellt hatte, durch Rufen in die Mitte gelotst. Nach den langweiligen Stunden zuvor hatte es ihm Spass gemacht, auch wenn er sich dumm vorgekommen war. Während er langsam wegdöste, verschwammen die akkurat gestutzten Buchshecken um ihn herum zu einer grünen Masse, wurden zu einem undurchdringlichen Urwald, und seine Gedanken machten sich davon.
Er war es, der durchs Labyrinth irrte. Von einer Sackgasse in die andere. Welchen Weg sollte er wählen. Welcher würde ihn ans Ziel führen? Ihm Erfüllung bringen? Ihn seiner Bestimmung zuführen? Seine Glieder wurden schwer, die Augen waren nicht mehr zu öffnen. Er kämpfte dagegen an, doch immer tiefer sank er in einen Sumpf aus Trägheit, Schwermut, Selbstzweifeln. Wie sollte er es je schaffen? Was würde ihn überhaupt erwarten – am Ziel … Gab es ein Ziel? Oder ging es nur darum, ziellos umherzuirren und dabei den Mut nicht zu verlieren? Kuno war kurz davor, zu einer enorm wichtigen Erkenntnis zu gelangen; ein Gedanke, der sein Leben, ja die ganze Menschheit verändern würde, war bereit, geboren zu werden, das spürte er …
„Mama, guck mal, der schläft ja!“ Erschrocken fuhr Kuno hoch. Vor ihm stand – mit offenem Mund – ein blondschopfiger Knirps, weiter hinten trat schmunzelnd das dazugehörige Elternpaar aus den Büschen. „Sorry für die Störung“, meinte der Vater mit leicht gerunzelter Stirn, „aber hätten Sie ein Eis für uns?“ Beschämt griff Kuno in die Kühltruhe, immer noch leicht desorientiert. Während er die erfrischende Trophäe aushändigte und der kleinen Familie zusah, wie sie dieselbe vertilgte, kehrten seine Lebensgeister langsam zurück.
Sein Ziel stand fest. Er würde sich anstrengen und sein Studium in Rekordzeit abschliessen. Egal, was ihn erwartete; mochten seine Lebenswege auch noch so verschlungen sein: Nie – nie! – mehr wollte es sich dermassen langweilen.

© Renate Sturzenegger